HTML Document Invasive gebietsfremde Arten

Release date 21/07/2011
Contributor freibergh

Bedeutung
Invasive gebietsfremde Arten sind Arten, die absichtlich oder unabsichtlich in Gebiete außerhalb ihres natürlichen Lebensraums eingeführt werden und dort in der Lage sind, sich zu etablieren und einheimische Arten zu verdrängen oder andere ökologischen Schäden zu verursachen. Zwar werden nicht alle eingeschleppte Arten zu Problemfällen, aber da Vorhersagen über die Anpassungsfähigkeit und das Ausbreitungspotenzial von Arten in neuen Lebensräumen sehr schwierig sind, ist das Risiko unkalkulierbar. Generell wird von der so genannten „10er Regel“ gesprochen: Von tausend eingeschleppten Arten verwildern hundert, zehn schaffen es, sich im neuen Lebensraum dauerhaft zu etablieren, aber nur ein bis zwei werden zum Problem. Besonders große Probleme gibt es jedoch in sensiblen Ökosystemen, die aufgrund einer langen Isolation besonders viele endemische Arten beherbergen (z.B. Inseln, isolierte Bergregionen, isolierte Seen). Invasive gebietsfremde Arten sind ein weltweit verbreitetes Phänomen und kommen unter allen Kategorien von Lebewesen (z.B. Pflanzen, Säugetiere und Insekten) und in allen Typen von Ökosystemen vor.

Man geht davon aus, dass die Bedrohung der biologischen Vielfalt durch invasive gebietsfremde Arten in ihrem Ausmaß nur noch von der Bedrohung durch Habitatverlust übertroffen wird. Gebietsfremde Arten sind daher ein ernstzunehmendes Hindernis für den Schutz und die nachhaltige Nutzung von Biodiversität auf globaler, regionaler und lokaler Ebene, mit beträchtlichen unerwünschten Auswirkungen auf die Güter und ökosystemaren  Dienstleistungen, die uns auf der Grundlage von naturnahen Ökosystemen zur Verfügung stehen.

Situation, Entwicklungstendenzen und Ursachen des Biodiversitätsverlustes
Biologische Invasionen finden inzwischen in globalem Maßstab statt und werden in diesem Jahrhundert aufgrund der Wechselwirkungen mit anderen globalen Veränderungen stark zunehmen. Zu diesen gehören die wachsende Globalisierung der Märkte und der explosionsartige Anstieg des weltweiten Handels und Warenaustauschs sowie des Fernreiseverkehrs. Es ist auch davon auszugehen, dass die Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten durch den Klimawandel in Zukunft noch verstärkt wird.

Invasive gebietsfremde Arten können beträchtliche und unwiderrufliche ökologische und sozioökonomische Veränderungen hervorrufen, wobei sich der Einfluss der gebietsfremden Arten auf der genetischen Ebene, auf der Ebene von Artvorkommen und auf der von Ökosystemen zeigen kann. Zu den von ihnen verursachten Kosten gehören nicht nur die Kosten für Vorsorge, Bekämpfung und Schadensminderung, sondern auch indirekte Kosten, die auf ihre Auswirkungen auf ökosystemare Dienstleistungen zurückzuführen sind.
Für die ökologischen und sozioökonomischen Auswirkungen schädlicher gebietsfremder Arten gibt es bereits schmerzliche Beispiele: philippinische Reisbauern haben durch die invasive Gelbe Apfelschnecke (Pomacea canaliculata) Ernteverluste im Wert von fast einer Milliarde US-Dollar erlitten. Gebietsfremde Unkräuter in Gewässern, wie die Wasserhyazinthe (Eichhornia crassipes) und der Wassersalat (Pistia spp.), sind ein weltweites Problem; allein die afrikanischen Länder geben jährlich schätzungsweise 60 Millionen US-Dollar für die Bekämpfung dieser beiden Arten aus. Durch den internationalen Handel wurde der asiatische Tigermoskito (Aedes albopictus) - der das Dengue-Fieber übertragen kann - nach Afrika,  Amerika und Europa eingeschleppt, und lebensgefährliche Stämme der sonst harmlosen Escherichia coli-Bakterien wurden durch Fleischexporte verbreitet. Zudem wurden durch eingeschleppte Ratten, Katzen und Marder auf polynesischen Inseln (z.B. Neuseeland, Hawaii) unzählige Arten ausgerottet und ganze Ökosysteme tiefgreifend verändert. Ein Vorgehen gegen die Auswirkungen invasiver gebietsfremder Arten ist dringend nötig. Beseitigung, Kontrolle und Schadensminderung in Verbindung mit der Schaffung von Gesetzen und Leitlinien auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene sind einige der Methoden, mit denen die Konvention das Problem angeht.

Aktuelle Entwicklungen zum Thema invasive gebietsfremde Arten
Auf der 6. Vertragsstaatenkonferenz, die im April 2002 in Den Haag stattfand, wurden freiwillige „Leitprinzipien zur Prävention und Verhinderung der Einbringung von gebietsfremden Arten, die Ökosysteme, Habitate oder Arten gefährden sowie Vorschläge für Gegenmaßnahmen“ verabschiedet (s. Entscheidung VI/23). Die Vertragsstaaten werden darin aufgerufen, bei Entscheidungen mit Bezug auf beabsichtigte Einschleppung und bei Bemühungen zur Verhinderung der unabsichtlichen Einführung von Arten das Vorsorgeprinzip anzuwenden. Außerdem wird an die Verantwortung gegenüber anderen Staaten erinnert, die von den Auswirkungen des Umgangs mit potenziell invasiven Arten betroffen sein können. Dabei wird ausdrücklich auch auf die Gefahr verwiesen, dass sich die absichtlich in ein Land eingeführten Arten auf angrenzende Länder ausbreiten können. Zu den empfohlenen Maßnahmen gehören ein umfassender Informationsaustausch über potenziell invasive Arten, die Erforschung der Biologie und Ausbreitungsstrategie invasiver Arten, die Überwachung des Auftretens neuer Arten, das Erarbeiten von vorbeugenden Strategien für Wirtschaftsbereiche, in denen es häufig zu unabsichtlichem Einschleppen von Arten kommt (z. B. Schifffahrt, Landwirtschaft, Aquakultur, Heimtierzucht und -handel, Tourismus), die Durchführung von Risikoanalysen bei beabsichtigten Einführungen und die möglichst frühzeitige Bekämpfung auftretender invasiver Arten.
Der bei der zehnten Vertragsstaatenkonferenz (VSK 10, 2010 in Japan) beschlossene Strategische Plan der CBD widmet eines seiner 20 Ziele explizit dem Thema der invasiven gebietsfremden Arten. In Ziel 9 wird gefordert, bis 2020 invasive gebietsfremde Arten und ihre Verbreitungswege identifiziert und priorisiert zu haben, die wichtigsten Arten kontrolliert oder entfernt zu haben und Maßnahmen ergriffen zu haben, ihre Einführung und Ansiedlung zu verhindern.

Ebenfalls bei der 10. VSK wurde eine Expertengruppe mit dem Auftrag eingesetzt, sich mit dem als unzureichend bearbeitet erkannten Feld derjenigen invasiven Arten zu befassen, die als Haustiere, Lebendfutter oder Köder eingeführt werden.

Die CBD und GISP
Im Juni 2001 wurde ein Kooperationsabkommen (Memorandum of Cooperation = MOC) zwischen dem CBD Sekretariat und dem Global Invasive Species Programme (GISP) unterzeichnet. GISP wurde hierbei als ein internationaler thematischer focal point innerhalb des Clearing-House Mechanismus eingerichtet. Im Rahmen der MOC wurde vereinbart, dass GISP beispielsweise Informationen zu gebietsfremden Arten sammelt, sichtet und zusammengefasst an die Mitgliedsländer bzw. das Sekretariat und die breite Öffentlichkeit liefert. Ferner sollten gemeinsam Programme zur Prävention, Bekämpfung bzw. Management von invasiven gebietsfremden Arten erarbeitet werden. Leider musste mit Wirkung von April 2011 die Arbeit des GISP-Sekretariats aus Geldmangel eingestellt werden.

Nationale Berichte
Die Vertragsstaaten wurden anlässlich der 6. VSK aufgefordert, jeweils Nationalberichte zum Thema gebietsfremde invasive Arten zu verfassen. Diese können hier heruntergeladen werden: http://www.biodiv.org/reports/list.aspx?type=ais

Und hier finden Sie eine weitere Auswahl von Veröffentlichungen und interessanten Links zu diesem Thema:

NeoFlora - Invasive gebietsfremde Pflanzen in Deutschland.
Bestandsaufnahme und Bewertung von Neozoen in Deutschland.
http://www.aquaticinvasions.ru/2006/AI_2006_1_4_Gollasch_Nehring.pdf (Gebietsfremde Arten in Nord- und Ostsee)
http://www.corpi.ku.lt/nemo/ (Gebietsfremde Arten in der Ostsee)
http://www.nobanis.org/ (Gebietsfremde Arten Nordeuropa und Ostsee)
Europäische Datenbank zu invasiven Arten DAISIE

Weitere Informationen finden Sie auf der Themenseite Invasive Alien Species beim Sekretariat des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD).


Stand: Juli 2011
Autoren: Dr. Axel Paulsch und BfN