HTML Document Tourismus und Biodiversität

Release date 31/07/2011
Contributor freibergh

Die Problematik
Der Tourismus gehört weltweit zu den am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweigen und stellt für viele Entwicklungsländer die wichtigste Quelle für Devisen und Arbeitsplätze dar. Gerade in Entwicklungsländern bietet er auch eine Möglichkeit, die Abhängigkeit von einigen wenigen Wirtschaftszweigen zu verringern. Insgesamt macht der Tourismus etwa 1,5 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts aus. Natürliche Lebensräume mit ihrer biologischen Vielfalt stehen zunehmend im Mittelpunkt touristischer Aktivitäten, und naturbezogene Angebote sind ein wesentliches Wachstumssegment der Tourismusindustrie.

Der Tourismus hat jedoch auch eine Schattenseite. Sein schnelles und manchmal unkontrolliertes Wachstum kann eine Hauptursache für Umweltzerstörung sowie den Verlust der lokalen Identität und traditioneller Kulturen sein. Paradoxerweise kann also gerade der Erfolg des Tourismus die Attraktivität eines Ortes verringern, und somit das Gut schädigen, auf das er sich gründet. Ein besonders hoher Druck lastet auf Küsten- und Gebirgsgegenden, wo sich der Tourismus seit vielen Jahren konzentriert.

Trotz der negativen Auswirkungen birgt der Tourismus - insbesondere der Naturtourismus - ein wesentliches Potenzial für den Schutz und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt. Zu den vom Tourismus ausgehenden Gewinnen gehören unmittelbare Einnahmen durch anfallende Gebühren und Steuern und aus freiwilligen Zahlungen für die Nutzung biologischer Ressourcen. Diese Einnahmen können für die Erhaltung natürlicher Gebiete und den Beitrag des Tourismus zur wirtschaftlichen Entwicklung genutzt werden.

Ein wichtiger Faktor für die Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus ist die Einbeziehung ortsansässiger Gemeinschaften durch die Reiseveranstalter. Wenn die lokale Bevölkerung von einem touristischen Unternehmen unmittelbares Einkommen erhält, steigert sich ihre Wertschätzung für die sie umgebenden Ressourcen, da diese als Einkommensquelle erkannt werden. Dies kann zu verstärktem Schutz und der Bewahrung der Ressourcen führen. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass Anreize für die Erhaltung von traditionellem Kunsthandwerk gegeben werden können, ebenso wie für den Erhalt von traditionellem Wissen, Innovationen und Verfahrensweisen, die zur nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt beitragen. Außerdem kann nachhaltiger Tourismus als eine wesentliche Chance für die Umweltbildung genutzt werden, indem Wissen über natürliche Ökosysteme und biologische Ressourcen, und dadurch deren Wertschätzung erhöht wird.

Wenn man im Zusammenhang mit der nachhaltigen Nutzung biologischer Ressourcen über den Tourismus spricht, ist es wichtig, alle Aspekte seiner möglichen nachteiligen Auswirkungen zu berücksichtigen. Dabei kann man zwischen ökologischen und sozioökonomischen Auswirkungen unterscheiden. Obwohl letztere weniger leicht zu messen und zu analysieren sind, können sie auf lange Sicht für die Erhaltung biologischer Ressourcen mindestens so wichtig sein, wie die ökologischen Auswirkungen, wenn nicht gar wichtiger.

Was die ökologischen Aspekte betrifft, gehört die direkte Nutzung von natürlichen Ressourcen für die Bereitstellung von touristischen Einrichtungen zu den wichtigsten Auswirkungen für ein Gebiet. Wesentliche Faktoren sind hierbei der Landverbrauch für Unterbringung und Infrastruktur und die Nutzung von Baumaterialien. Entwaldung und intensivierte oder nicht nachhaltige Landnutzung können auch zu Erosion und Verlust von Biodiversität führen.

Tourismus ist meist mit hohem Wasserverbrauch und einer großen Müllproduktion verbunden. Die Entnahme von Grundwasser kann Austrocknung verursachen, die zum Verlust biologischer Vielfalt führt. Außerdem kann die Einleitung unbehandelter Abwässer in umliegende Flüsse und Seen zu Eutrophierung und Belastung mit Krankheitskeimen führen. Die Entsorgung von Abfällen, die durch die Tourismusindustrie verursacht werden, löst oft größere Umweltprobleme aus.

Direkte Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt können durch falsches Verhalten und unkontrollierte touristische Aktivitäten verursacht werden (z. B. Geländewagenfahrten, Jagd, Fischen, Gerätetauchen oder das Pflücken von Pflanzen). Außerdem kann der Touristenverkehr das Risiko des Einschleppens von invasiven gebietsfremden Arten erhöhen, und die Art und Häufigkeit menschlicher Gegenwart kann das Verhalten der Tiere stören.

Viele der genannten Auswirkungen lassen sich durch geeignete Planung, verantwortliches Verhalten von Touristen und Reiseveranstaltern und Bewusstseinsbildung verringern.

Die sozioökonomischen und kulturellen Auswirkungen des Tourismus treffen vor allem ortsansässige und indigene Gemeinschaften. Touristischer Aufschwung kann zu einem Zustrom von Menschen führen, die auf der Suche nach Arbeit oder unternehmerischen Möglichkeiten sind. Falls nicht alle diese Personen eine passende Anstellung finden können, kommt es zu sozialen Verschlechterungen. In Zeiten schwacher Konjunktur kann es auch zu einem plötzlichen Verlust von Einkommen und Arbeitsplätzen kommen, insbesondere wenn die Wirtschaft stark vom Tourismus abhängt. Die wirtschaftlichen Vorteile, die sich aus touristischer Entwicklung ergeben, sind unter den Mitgliedern der ortsansässigen Gemeinschaften im Allgemeinen ungleich verteilt. Im Fall direkter Investitionen aus dem Ausland kann es sein, dass ein großer Teil des Profits zurück in das Ursprungsland transferiert wird. Tourismus kann daher gesellschaftliche Unterschiede und damit die relative Armut verstärken.

Der Einfluss des Tourismus auf kulturelle Werte ist ausgesprochen komplex. Touristische Aktivitäten können Generationenkonflikte auslösen und sich auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern auswirken. Auch traditionelle Gebräuche und Ereignisse können von den Vorlieben der Touristen beeinflusst werden. Die Entwicklung von Tourismus kann dazu führen, dass indigene und ortsansässige Gemeinschaften den Zugang zu ihrem Land, dessen Ressourcen und zu heiligen Stätten verlieren.

Aktivitäten und Bemühungen im Rahmen der CBD
Ein nachhaltiger Tourismus liegt also im Interesse aller Beteiligten. Angesichts der Bedeutung von kulturellen und natürlichen Sehenswürdigkeiten für den Tourismus, und der Höhe der durch sie erzielten Einnahmen, bestehen offenkundig gute Möglichkeiten, um in die Erhaltung und nachhaltige Nutzung biologischer Ressourcen zu investieren. Neben den Bemühungen um Gewinnmaximierung müssen Bemühungen um eine Minimierung der negativen Auswirkungen der Tourismusindustrie auf die biologische Vielfalt unternommen werden.

In diesem Zusammenhang war es eine wichtige Aufgabe für das Übereinkommen über die biologische Vielfalt, freiwillige Leitlinien zur nachhaltigen Planung und Lenkung touristischer Aktivitäten in empfindlichen Land-, Meeres- und Küstenökosystemen und in für die biologische Vielfalt bedeutsamen Habitaten zu entwickeln und zu verbreiten (Entscheidung VII/14).

Die Leitlinien zum Thema Tourismusentwicklung und Biodiversität (PDF) sind über das Sekretariat der Konvention über die biologische Vielfalt erhältlich, ebenfalls in Englischer Sprache liegt eine weitere Broschüre der CBD zum Thema vor.
Darüber hinaus finden Sie auf der Themenseite "Biological Diversity and Tourism" beim Sekretariat des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) auch weitere Informationen zum Thema.

Stand: Juli 2011
Autoren: Dr. Axel Paulsch und BfN