Biodiversität von Wäldern
| Release date |
21/07/2011 |
| Contributor |
freibergh
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Bedeutung
Von allen terrestrischen Lebensraumtypen beherbergen die Wälder nach dem heutigen Kenntnisstand die höchste Biodiversität. Wenn man die tropischen, gemäßigten und borealen Wälder gemeinsam betrachtet, bieten sie ein vielfältiges Spektrum an Habitaten für Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen, in denen die überwiegende Mehrheit der landlebenden Arten unserer Erde heimisch ist.
Die Biodiversität der Wälder bringt eine breite Palette von Gütern und ökosystemaren Dienstleistungen hervor: Diese reichen von den Holzressourcen des Waldes über Nichtholz-Produkte bis zur wichtigen Rolle, die Wälder als Kohlenstoffsenke bei der Milderung des Klimawandels spielen. Gleichzeitig bietet sie mehreren hundert Millionen Menschen weltweit Lebensunterhalt und Arbeitsplätze. Die Biodiversität von Wäldern hat auch eine wichtige wirtschaftliche, soziale und kulturelle Funktion im Leben vieler indigener und traditionell lebender lokaler Gemeinschaften.
Situation, Entwicklungstendenzen und Ursachen des Biodiversitätsverlusts
In den letzten 8000 Jahren sind etwa 45 Prozent der ursprünglichen Wälder der Erde verschwunden, wobei ein großer Teil davon im Lauf des vergangenen Jahrhunderts vernichtet wurde und auch derzeit die Vernichtung weiter fortschreitet. In Deutschland sank der Waldanteil von deutlich über 95% der Landesfläche auf heute ca. 1/3 der Landesfläche (dieser Anteil ist seit über 100 Jahren etwa konstant bzw. leicht zunehmend). Nach Angaben des Globalen Zustandsbericht zur Biodiversität (GBO 3, Mai 2010) sind aktuell 31% der Landoberfläche der Erde von Wäldern bedeckt.
Der Verlust der Biodiversität in Wäldern ist eine Folge der raschen Entwaldung sowie der Fragmentierung und Degradation aller Waldtypen. Nach Angaben des GBO 3 betrug der Nettoverlust an Waldfläche seit 2000 jährlich etwa 5 Millionen Hektar, wovon der überwiegende Teil Wälder in den Tropen waren. Da bei der Berechnung des Nettoverlustes die Wiederaufforstungsrate berücksichtigt wird, beträgt die tatsächliche Zahl für den Verlust an Wäldern wohl bis zu 15 Millionen Hektar pro Jahr oder mehr. Ein nachgepflanzter Wald kann allerdings auch längerfristig nicht die gleiche natürliche Biodiversität aufweisen, wie ein natürlich gewachsener Urwald/Primärwald. Die wichtigsten Faktoren, die den Rückgang der Wälder und ihrer biologischen Vielfalt verursachen, sind vom Menschen ausgelöst: Umwandlung von Wald in Ackerland, Überweidung, ungeregelter Wanderfeldbau, nicht nachhaltige Forstwirtschaft, das Einbringen von invasiven gebietsfremden Tier- und Pflanzenarten, die Entwicklung von Infrastruktur (Straßenbau, Bauprojekte im Bereich Wasserkraft, Ausbreitung der Städte), Abbau von Bodenschätzen und Erdölförderung, durch Menschen ausgelöste Waldbrände, Umweltverschmutzung und Klimawandel.
Wie geht die Biodiversitätskonvention das Thema an?
Die Biodiversitätskonvention ging bereits 1998 mit ihrem Arbeitsprogramm zur Biodiversität in Wäldern direkt auf den Bereich Wald ein, das allerdings vor allem auf der wissenschaftlichen Ebene ausgerichtet war. Auf der 6. Vertragsstaatenkonferenz, die im April 2002 in Den Haag stattfand, wurde schließlich ein erweitertes Arbeitsprogramm zur biologischen Vielfalt der Wälder verabschiedet (s. Entscheidung VI/22). Das Arbeitsprogramm umfasst ca. 130 Einzelaktivitäten, die unter anderem auf folgenden Gebieten Fortschritte bringen sollen: Wiederherstellung der biologischen Vielfalt in degradierten Wäldern, Einrichtung eines repräsentativen Netzwerks von Schutzgebieten, Entwicklung nachhaltiger Nutzungsformen, Zertifizierung von ökologisch und sozial verträglichen Waldprodukten, Vollzug von Forstgesetzen, Einbeziehung von Biodiversitätsaspekten in anderen Politikbereichen und Abbau nicht nachhaltiger Subventionen. Im Vorwort werden die Vertragsstaaten unter anderem aufgerufen, sich bei der Umsetzung des Arbeitsprogramms auf diejenigen Waldgebiete zu konzentrieren, die ökologisch bedeutsam, wichtig für die biologische Vielfalt oder besonders stark bedroht sind. Gleichzeitig soll jedoch versucht werden, den Schutz aller Waldtypen zu verbessern. Eine enge Zusammenarbeit mit der IPF/IFF-Nachfolgeorganisation, dem Waldforum der Vereinten Nationen (UNFF), ist eingerichtet. Auf der 9. Vertragsstaatenkonferenz in Bonn (2008) wurden vor allem mit der Bereitstellung von zusätzlichen Geldern (Life Web) von Deutschland, aber auch von anderen Staaten in bisher
nicht bekanntem Ausmaß Mittel für die Finanzierung bestehender und neuer Waldschutzgebiete bereitgestellt. Aber auch inhaltlich konnten beim Waldschutz zahlreiche Erfolge erzielt werden. So konnte das Ziel bekräftigt werden, 10% aller Waldtypen unter Schutz zu stellen und es wurde die Identifizierung der für die Biodiversität prioritären Gebiete angestoßen. Darüber hinaus bestand Einigkeit, dass Maßnahmen zur Verminderung der Treibhausgasemissionen aus Entwaldung nicht gegen die Ziele der CBD verstoßen sollen. Zum Thema Bioenergienutzung wurde ein weit reichender Beschluss gefasst, der auch den Schutz der Wälder vor einer nicht nachhaltigen Bioenergieproduktion und -nutzung umfasst. Bezüglich gentechnisch veränderter Bäume konnten weitere Maßnahmen vereinbart werden, die dem Vorsorgeprinzip Rechnung tragen. Auch wurde beschlossen, dass Vertragsstaaten das Recht haben, auf den Einsatz gentechnisch veränderter Bäume abzulehnen sofern dies aus einer Risikoanalyse hervorgeht oder wenn keine ausreichenden Kapazitäten für die Durchführung solcher Risikoanalysen vorhanden sind.
Die zehnte Vertragsstaatenkonferenz hat im Oktober 2010 mit den Zielen bis 2020 direkten Bezug zu Wäldern hergestellt. In Ziel 5 wird gefordert, die Verlustrate natürlicher Habitat bis 2020 mindestens zu halbieren und wo das möglich ist, ganz zu stoppen. Dabei sind Wälder explizit erwähnt. Ziel 15 fordert die Restaurierung degradierter Ökosysteme, unter anderem um die Kohlenstoffspeicherung zu erhöhen. Auch hier spielen Wälder eine wichtige Rolle. Ebenso kann auch Ziel 14 auf Wälder bezogen werden, das die Erhaltung von Ökosystemen fordert, die wichtige Dienstleistungen bereitstellen. Auch dies tun Wälder in besonderem Maße.
Bei der Umsetzung des Arbeitsprogramms steht die Konvention im Austausch mit vielen Partnern, insbesondere der Gemeinsamen Partnerschaft zu Wäldern (Collaborative Partnership on Forests, CPF), die im Zusammenhang mit dem UN-Waldforum (United Nations Forum on Forests, UNFF) gegründet wurde. Zu den Mitgliedern der CPF gehören die Welternährungsorganisation FAO, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP, der Weltumweltfonds GEF (Global Environment Facility), die Klimarahmenkonvention (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC), das UN-Waldforum, das Zentrum für internationale forstliche Forschung (Center for International Forestry Research, CIFOR), die Internationale Tropenholz Organisation (International Tropical Timber Organization, ITTO), die Internationale Vereinigung zur Waldforschung (International Union of Forest Research Organization, IUFRO), das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme, UNDP), das Internationale Forschungszentrum für Agrar und Forsten (International Center for Research in Agroforestry, ICRAF), die Weltbank (World Bank) und die Weltnaturschutzorganisation (World Conservation Union, IUCN).
Wechselwirkungen mit der Klimarahmenkonvention
Von besonderer Bedeutung für die Waldbiodiversität sind die Entscheidungen der Klimarahmenkonvention und des zugehörigen Kyoto-Protokolls. Es besteht die Gefahr, dass Primärwälder durch schnell wachsende Monokultur- Holzplantagen (z. T. mit nicht einheimischen Baumarten) ersetzt werden, um möglichst rasch möglichst viel atmosphärischen Kohlenstoff zu binden. Die Ausweitung dieser Form der Plantagenwirtschaft führt zu einem weiteren Verlust an biologischer Vielfalt. Die CBD hatte daher von der Klimarahmenkonvention mehrfach eingefordert, dass deren Beschlüsse im Einklang mit den Zielen der CBD stehen sollten. Inzwischen haben beide Konventionen gemeinsam mit der Konvention zur Bekämpfung der Desertifikation eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die die waldrelevanten Aktivitäten aller Beteiligten aufeinander abzustimmen versucht.
Unter der Klimarahmenkonvention wurde ein Instrument entwickelt, das Anreize zur Verhinderung der Entwaldung in den Tropen bietet, um die damit verbundenen Treibhausgasemissionen zu reduzieren (REDD – Reducing Emissions from Deforestation and Degradation). Von einer konsequenten, naturverträglichen Umsetzung dieses Instruments würde auch die Erhaltung der biologischen Vielfalt profitieren.
Aktuelle Entwicklungen in Deutschland zum Thema Biodiversität in Wäldern
In den letzten Jahren hat auch auf deutscher Ebene eine Weiterentwicklung im Bereich des Waldschutzes und der Forstwirtschaft stattgefunden. Hierzu gehört auch die vermehrte Nutzung internationaler Zertifizierungsverfahren in der Holzwirtschaft. Die so zertifizierten und somit nachhaltig wirtschaftenden Forstbetriebe dienen der Erhaltung naturnaher Ökosysteme und führen zu einer langfristig naturverträglichen Nutzung der Wälder. Immer mehr Produkte aus dieser nachhaltigen Produktion werden zum Beispiel mit dem FSC (forest stewardship council)-Siegel der Umweltverbände oder mit dem auf eine Waldbesitzerinitiative zurückgehenden PEFC (Programme for the Endorsement of Forest Certification schemes) -Siegel gekennzeichnet und ermöglichen dem Verbraucher eine bewusste Kaufentscheidung. Andererseits gibt es noch zahlreiche Probleme, da ein effektiver Waldschutz auch der Etablierung eines Netzes von Schutzgebieten bedarf, in denen die natürliche Walddynamik ohne jede forstliche Nutzung ablaufen kann.
Eine weitere Entwicklung in Deutschland ist seit Herbst 1999 das nationale Waldprogramm bzw. die Waldprogramme der Länder im Rahmen der Umsetzung der IPF/IFF-Handlungsvorschläge. Waldprogramme sind ein Dialogprozess unterschiedlicher waldrelevanter Akteure über den zukünftigen gesellschaftlichen Umgang mit dem Wald. Innerhalb dieses Prozesses werden die ökologischen, sozialen und ökonomischen Werte des Waldes analysiert und politische Leitlinien mit darauf aufbauenden Handlungsempfehlungen im Konsensverfahren (soweit wie möglich) erarbeitet.
Rund ein Drittel der Wälder Deutschlands werden von den Landesforstverwaltungen bewirtschaftet. In vielen Bundesländern werden derzeit Forstverwaltungsreformen durchgeführt. Nach wie vor sind die Forstverwaltungen in der Regel per Gesetz einer vorbildlichen und nachhaltigen Waldbewirtschaftung verpflichtet. Kritiker sehen in den aktuellen Entwicklungen jedoch eine schleichende Privatisierung und eine zunehmende Kommerzialisierung mit negativen Auswirkungen auf die biologische Vielfalt in bewirtschafteten Wäldern.
Weitere Informationen finden Sie auf der Themenseite "Forest Biodiversity" beim Sekretariat des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD).
Hilfreiche Links:
CPF Portal - Collaborative Partnership on Forests
ITTO - International Tropical Timber Organization
FSC - Forest Stewardship Council
UNFF - United Nations Forum on Forests
Stand: Juli 2011
Autoren: Dr. Axel Paulsch und BfN